Eine Unternehmensübergabe ist weit mehr als eine formale Übertragung von Verantwortlichkeiten. Sie ist ein sensibles Gefüge aus Tradition, Zukunft, persönlichen Emotionen und betrieblicher Notwendigkeit.
In meiner Arbeit als Übergabeberater habe ich gelernt: Die meisten Übergaben scheitern nicht an fehlender Fachkompetenz oder an mangelnden Prozessen – sie scheitern am Ego. Und zwar auf beiden Seiten. Damit eine Übergabe funktioniert, müssen Übergeber und Übernehmer verstehen, dass in dieser Phase nicht ihre persönlichen Befindlichkeiten im Zentrum stehen. Es geht ausschließlich um die Funktionsfähigkeit des Unternehmens. Dieses Prinzip klingt simpel, ist aber in der Praxis eines der härtesten.
1. Wenn das Ego lauter ist als das Unternehmensinteresse
In Familienbetrieben vermischen sich Rollen: Unternehmer, Mutter, Vater, Sohn, Tochter, Geschwister, mögliche weichende Erben – alle tragen eigene Erwartungen, Sorgen, Hoffnungen und manchmal ungelöste Geschichten mit sich.
Wenn diese Emotionen beginnen, operative Entscheidungen zu überlagern, verliert man den Blick auf das Wesentliche:
Das Unternehmen muss handlungsfähig bleiben.
Das Ergebnis: Das Unternehmen arbeitet in einem permanenten Spannungsfeld, Entscheidungen verzögern sich, Verantwortlichkeiten verschwimmen. Das Risiko, dass Kunden, Mitarbeitende oder Lieferanten diesen Stillstand spüren, steigt.
2. Die Leitfrage, die jede Übergabe klärt: Dient es dem Unternehmen oder der Person?
In jeder Sitzung, in jedem Gespräch, stelle ich dieselbe Frage:
„Dient diese Entscheidung dem Unternehmen – oder dient sie gerade nur einer persönlichen Emotion?“
Diese Frage wirkt manchmal entlarvend, aber sie bringt Klarheit, denn sie holt alle Beteiligten aus der emotionalen Spirale zurück in die wirkliche Aufgabe, nämlich das Unternehmen so zu führen, dass es weiterhin Werte schafft.
Wenn Ego-reduzierte Entscheidungen getroffen werden:
- werden Verantwortungsbereiche sauber übergeben,
- können Nachfolger eigene Entscheidungen treffen,
- entsteht Vertrauen in alle Richtungen,
- verbessert sich die Geschwindigkeit des täglichen Handelns,
- wird der Übergabeprozess konstruktiv – nicht emotional dominiert.
3. Die Rolle des Übergebers: Loslassen als Führungsleistung
Loslassen fällt schwer – besonders, wenn man ein Unternehmen aufgebaut oder Jahrzehnte geführt hat. Doch Loslassen ist keine Schwäche, denn es ist die letzte und vielleicht wichtigste Führungsentscheidung eines Unternehmerlebens.
Somit entscheidet ein Übergeber, der sein eigenes Ego zurückstellt, den Nachfolgern zu vertrauen, sein Mikromanagement einzustellen, und dadurch andere Wege zum Ergebnis zu akzeptieren. In Summe ermöglicht dies der nächsten Generation ihren eigenen Stil zu entwickeln. In Summe ebnet der Übergeber damit den Weg in eine Zukunft, in der das Unternehmen ohne ihn stark bleiben kann.
4. Die Rolle des Übernehmers: Verantwortung wirklich annehmen
Auch der Übernehmer muss sein Ego im Griff haben – oft aus völlig anderen Gründen.
Viele Nachfolger wollen es allen recht machen. Sie wollen respektvoll sein, wollen Traditionen achten, wollen Konflikte vermeiden.
Doch wer zu lange wartet, Entscheidungen nicht trifft oder sich hinter „Ich will niemanden enttäuschen“ versteckt, stellt ebenso sein Ego über das Unternehmenswohl – nur auf leise Art.
Daher – ein reifer Übernehmer
- trifft Entscheidungen mit Konsequenz,
- fragt bei Bedarf um Rat, aber delegiert nicht die Verantwortung zurück,
- stellt das Unternehmen vor persönliche Unsicherheiten,
- führt, statt zu verwalten.
Dies macht die erfolgreiche Führungskraft, die vom Team benötigt wird, aus.
5. Was Übergaben erfolgreich macht: Ein gemeinsames Kommitment
Erst wenn beide Seiten – Übergeber und Übernehmer – ihr Ego zurückstellen, entsteht die Atmosphäre, in der Übergabe gelingt. Dann können sich Rollen sauber verändern:
- Der Übergeber wandelt sich vom Entscheider zum Ermöglicher.
- Der Übernehmer wandelt sich vom Mitläufer zum Gestalter.
- Die Familie bleibt unterstützend, aber nicht steuernd.
- Das Unternehmen bleibt handlungsfähig – jederzeit.
Gerade die Unternehmen, die diesen Punkt verinnerlichen, schaffen Übergaben, die fast mühelos wirken. Nicht, weil sie konfliktfrei waren, sondern weil die Prioritäten klar gesetzt wurden.
6. Zusammenfassung
Eine erfolgreiche Übergabe gelingt, wenn:
- das Ego nicht die Entscheidungen bestimmt,
- persönliche Befindlichkeiten hinter dem Unternehmensinteresse stehen,
- Übergeber bewusst loslassen,
- Übernehmer mutig übernehmen,
- die Familie nicht operativ eingreift,
- ein strukturiertes, von außen moderiertes Gesprächsklima entsteht.
Das Unternehmen ist der zentrale Wert – und es muss im Zentrum bleiben.
Dr. Hubert Kienast
Übergabeberater und Coach für Familienbetriebe




