Vertrauen in der Übergabephase – warum Mitarbeiter:innen den entscheidenden Unterschied ausmachen!

Wenn von einer Unternehmensnachfolge gesprochen wird, stehen meist Übergeber:innen und Nach­folger:innen im Focus. Aus meiner Beratungspraxis weiß ich allerdings, dass der Erfolg einer Unter­nehmens­übergabe ganz oft von einer weiteren Gruppe abhängt, nämlich den Mitarbeiter:innen!

Sie erleben den Generationswechsel aus einer eigenen Perspektive. Für sie bedeutet die Übergabe nicht nur einen neue/n Chef/Chefin, sondern vor allem auch die Frage nach der eigenen Zukunft. Genau deshalb ist Vertrauen einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren jeder Unternehmensnachfolge.

Veränderung schafft Unsicherheit

Mitarbeiter:innen haben oftmals schon eine lange Geschichte mit dem Unternehmen, in der persönliche Be­ziehungen mit der Eigentümerfamilie, mit den Übergeber:innen entstanden sind. Die Entscheidungswege sind bekannt, das gegenseitige Vertrauen ist über Jahre gewachsen. Und nun ändert sich dieses vertraute Um­feld:

Die Mitarbeiter:innen stellen sich dann oft folgende Fragen:

  • Bleibt mein Arbeitsplatz erhalten?
  • Wird sich meine Tätigkeit verändern?
  • Welche Erwartungen hat der neue Eigentümer an mich?
  • Ändert sich die Unternehmenskultur?
  • Bin ich auch künftig ein wichtiger Teil des Unternehmens?

Es entsteht Unsicherheit – was einerseits völlig normal ist, andererseits oftmals nicht im Prozess der Über­gabe beachtet wird. Wird diese Unsicherheit unter den Tisch gekehrt, so entstehen schnell Gerüchte, Wider­stände bis hin zu offenen Konflikten. Tritt man dahinter, findet man Grund-Bedürfnisse wie Sicher­heit, Orient­ierung und Wertschätzung. Wenn die Nachfolger:innen den Mitarbeiter:innen dies gewähren kön­nen, dann ist es für die einzelnen Personen einfacher auch der neuen Führungsgeneration einen Vertrauens­vorschuss zu schenken.

Vertrauen entsteht durch Kommunikation

Gerade in der Übergabephase wünschen sich Mitarbeiter:innen vor allem Orientierung. Sie möchten wissen, in welche Richtung sich das Unternehmen entwickeln wird und welche Rolle sie dabei spielen werden. Es geht hier auch vor allem um die Zukunft des Einzelnen!

Nachfolger:innen sollten deshalb frühzeitig das Gespräch suchen, ihre Ziele erklären und deutlich machen, dass sie die Erfahrung und das Wissen der Mitarbeitenden schätzen. Wer zuhört, Fragen beantwortet und transparent kommuniziert, schafft Sicherheit.

Vertrauen entsteht dabei nicht durch eine einzelne Informationsveranstaltung, sondern durch viele kleine Begegnungen im Arbeitsalltag. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und ein respektvoller Umgang sind dabei oft wichtiger als große Ankündigungen.

Die ersten Monate sind entscheidend

In Österreich gehen bei einer Betriebsübernahme die bestehenden Arbeitsverhältnisse grundsätzlich auf den neuen Arbeitgeber über. Für die Mitarbeitenden bedeutet das im ersten Moment Sicherheit, denn sie werden mit ihren bestehenden Rechten übernommen. Gerade diese Monate bieten den Nachfolger:innen die Chance, genau dieses gegenseitige Vertrauen aufzubauen.

Die Nachfolger:innen lernen die Menschen, ihre Fähigkeiten und die Unternehmenskultur kennen. Gleich­zeitig beobachten die Mitarbeiter:innen sehr genau, wie geführt wird, wie Entscheidungen getroffen werden und ob den Worten auch Taten folgen.

Wer in dieser Phase vorschnell alles verändern möchte, riskiert Verunsicherung. Erfolgreiche Nachfolger ver­binden daher Bewährtes mit neuen Impulsen und entwickeln Veränderungen gemeinsam mit ihrem Team. Dann kann es das Team auch mittragen und die Veränderungen entwickeln sich und wirken nicht nur aufgesetzt.

Vertrauen muss in beide Richtungen wachsen

Vertrauen ist keine Einbahnstraße. Auch Mitarbeiter:innen sind gefordert, dem neuen Unternehmer:innen eine faire Chance zu geben. Neue Ideen oder andere Führungsstile bedeuten nicht automatisch, dass Be­währtes aufgegeben wird. Häufig eröffnen sie neue Entwicklungsmöglichkeiten – für das Unternehmen ebenso wie für die Mitarbeiter:innen selbst.

Wenn beide Seiten offen aufeinander zugehen, kann schnell eine Kultur des Miteinanders entsteht. Die Un­sicherheit weicht der Zuversicht, aus Mitarbeiter:innen können Mitgestalter der nächsten Unternehmens­generation werden.

Fazit

Eine Unternehmensnachfolge ist immer auch ein Vertrauensprozess. Während Verträge und Zahlen den rechtlichen Rahmen schaffen, entscheiden die Menschen über den langfristigen Erfolg.

Mitarbeiter:innen möchten Sicherheit, Orientierung und Wertschätzung erfahren. Die Nachfolger:innen brauchen wie­der­um das Wissen, die Erfahrung und die Unterstützung ihres Teams. Gelingt es, dieses gegenseitige Vertrauen auf­zu­bau­en, wird aus einer Unternehmensübergabe weit mehr als ein Eigentümerwechsel – sie wird zum gemeinsamen Aufbruch in die Zukunft.

Gerade deshalb sollte Vertrauen nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Es muss aktiv aufgebaut, gepflegt und gelebt werden. Denn am Ende sind es nicht Maschinen oder Gebäude, die ein Unternehmen erfolgreich machen – sondern die Menschen, die jeden Tag mit Überzeugung daran arbeiten.

Dr. Hubert Kienast

Übergabeberater und Coach für Familienbetriebe

image_print