Die Übergabe eines Familienunternehmens ist einer der bedeutendsten Schritte in der Unternehmensgeschichte. Sie ist zugleich Chance und Risiko, Aufbruch und Abschied. Und dennoch erleben wir in der Praxis immer wieder: Der Prozess kommt ins Stocken. Es scheint nicht weiterzugehen – obwohl die Rahmenbedingungen stimmen, Verträge vorbereitet sind und der Zeitplan eigentlich klar ist.
Warum hakt es dann?
Die Antwort liegt oft nicht im Offensichtlichen, sondern im Verborgenen. Hinter der Verzögerung stehen Motive, die selten ausgesprochen, aber stark wirksam sind.
Das Nicht-Loslassen-Können
Für die Übergeber:innen ist das Unternehmen nicht nur ein Arbeitsplatz oder eine Einkommensquelle. Es ist Lebenswerk, Identität und Sicherheit. „Loslassen“ bedeutet nicht nur, operative Verantwortung abzugeben – sondern auch, sich von einer Rolle zu verabschieden, die über Jahrzehnte das eigene Leben geprägt hat. Oft hält man daher länger fest, als man möchte oder zugibt.
Das Nicht-Nehmen-Wollen
Auf der anderen Seite können auch die Übernehmer:innen zögern. Die neue Verantwortung wirkt groß, die Schuhe der Vorgänger:innen riesig. Hinzu kommen Zweifel: Bin ich schon bereit? Bin ich gut genug? Was, wenn ich scheitere? – Dieses Nicht-Nehmen-Wollen ist selten Ausdruck von Desinteresse, sondern vielmehr von Unsicherheit.
Verdeckte Einflussfaktoren
Manchmal mischen auch weitere Stimmen mit: weichende Erben, die sich übergangen fühlen, oder Familienmitglieder, die ihre eigenen Interessen einbringen. Auch die allgemeine Angst vor der Zukunft – wirtschaftlich, politisch oder im Markt – kann den Übergabeprozess belasten. Diese Faktoren verstärken die Unsicherheit auf beiden Seiten.
Der Schlüssel: Verborgene Motive sichtbar machen
Damit die Übergabe wieder in Fluss kommt, braucht es Offenheit. Als externer Begleiter ist es meine Aufgabe, Raum für ehrliche Gespräche zu schaffen. Ich stelle Fragen, die im Alltag selten gestellt werden:
- Was hält Sie wirklich zurück?
- Wovor haben Sie Sorge?
- Was brauchen Sie, um loslassen – oder übernehmen – zu können?
Erst wenn die ungesagten Motive auf dem Tisch liegen, kann man damit arbeiten. Oft ist es eine Mischung aus emotionalen Bindungen, fehlenden Informationen und unausgesprochenen Erwartungen.
Der Weg nach vorne
Eine erfolgreiche Übergabe gelingt nicht, indem man Widerstände übergeht, sondern indem man sie versteht. Mit Klarheit, gegenseitigem Respekt und einer strukturierten Begleitung kann aus dem Stillstand wieder Be-wegung entstehen. Der Übergeber kann Vertrauen entwickeln, der Nachfolger Zuversicht. Und beide er-kennen: Übergabe ist kein einmaliger Akt, sondern ein gemeinsamer Prozess.
Fazit:
Wenn die Übergabe hakt, liegt der Grund meist in verborgenen Motiven: im Nicht-Loslassen-Können oder im Nicht-Nehmen-Wollen. Werden diese angesprochen und begleitet, entsteht der Raum für eine Übergabe, die nicht nur formal, sondern auch emotional gelingt.
Dr. Hubert Kienast
Übergabeberater und Coach für Familienbetriebe




